EN 50742: Sicherheit von Maschinen – Schutz vor Korruption

Die EN 50742 ist eine Norm, die aktuell entwickelt wird, um den Schutz von Maschinen vor absichtlicher und unbeabsichtigter Korrumpierung zu gewährleisten. Mit direktem Bezug zur Maschinenverordnung bietet sie Herstellern klare Anforderungen und Leitlinien, um Maschinen sicher und konform zu gestalten.

Inhalt
  1. Ziele und Anwendungsbereich
  2. Zusammenhang mit der Maschinenverordnung
  3. Aufbau und Struktur der EN 50742
  4. Zwei Ansätze zur Umsetzung
    1. Ansatz A: Eigenständiger Ansatz
    2. Ansatz B: IEC 62443-basierter Ansatz
  5. Aktueller Stand: FprEN 50742
  6. Fazit

Ziele und Anwendungsbereich

Die EN 50742 wird entwickelt, um Maschinen vor Korrumpierung zu schützen, die sich negativ auf sicherheitskritische Funktionen auswirken könnte. Ziel der Norm ist es, sicherzustellen, dass Maschinen so konzipiert, hergestellt und betrieben werden, dass sowohl unbeabsichtigte als auch absichtliche Korrumpierung, die zu einer Gefährdungssituation führen kann, verhindert wird. Dies umfasst insbesondere den Schutz vor Sicherheitsrisiken, die durch Datenverbindungen entstehen können.

Die EN 50742 gilt für Maschinen und deren Komponenten, die sicherheitskritische Funktionen beinhalten. Sie deckt dabei folgende Bereiche ab:

  • Hardware-Komponenten, einschließlich Schnittstellen zu entfernten Geräten und Steuerungssystemen, die Signale oder Daten übertragen.
  • Software und Daten, wenn diese die Sicherheit der Maschine beeinflussen können.

Die Anforderungen der Norm erstrecken sich über den gesamten Lebenszyklus einer Maschine, von der Entwicklung über Herstellung und Inbetriebnahme bis hin zu Betrieb, Wartung und Außerbetriebnahme. Funktionale Sicherheitsanforderungen, wie sie in Normen wie ISO 13849-1 oder IEC 62061 behandelt werden, sind nicht Bestandteil der EN 50742.

Zusammenhang mit der Maschinenverordnung

Die EN 50742 adressiert die Anforderungen, die in der Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, Anhang III, festgelegt sind:

Schutz gegen Korrumpierung (Anhang III, Abschnitt 1.1.9)

Der Anschluss einer anderen Einrichtung an die Maschine darf nicht zu einer gefährlichen Situation führen, weder über eine Funktion der angeschlossenen Einrichtung noch über einen Fernzugriff. Sicherheitsrelevante Hardware, Software und Daten müssen gegen unbeabsichtigte und vorsätzliche Korrumpierung geschützt sein.

Sicherheit und Zuverlässigkeit von Steuerungen (Anhang III, Abschnitt 1.2.1)

Steuerungen müssen beabsichtigten und unbeabsichtigten Fremdeinflüssen standhalten, einschließlich vernünftigerweise vorhersehbarer böswilliger Versuche Dritter. Das Rückverfolgungsprotokoll der Eingriffe muss bis zu fünf Jahre nach dem Hochladen für die zuständige Behörde zugänglich bleiben.

Die Norm dient als Hilfsmittel, um die Anforderungen der Maschinenverordnung umzusetzen und Sicherheitsrisiken zu adressieren. Hersteller können damit nachweisen, dass sie den Schutz vor Korrumpierung systematisch adressieren und ihre Maschinen konform gestalten.

Aufbau und Struktur der EN 50742

Die Norm ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die systematisch die relevanten Themen abdecken:

Einleitung und Anwendungsbereich

Einführung in die Ziele und den Geltungsbereich der Norm. Die EN 50742 gilt für Hardware-Komponenten, Software und Daten, die die Sicherheit von Maschinen beeinflussen können. Sie deckt alle Lebenszyklusphasen ab: Entwicklung, Herstellung, Inbetriebnahme, Betrieb, Wartung und Außerbetriebnahme.

Begriffe und Definitionen

Klarstellung zentraler Begriffe wie „Korrumpierung", „Intervention", „Schwachstelle", „Sicherheitskontext" und „Safety-Related Security Level (SRSL)".

Schutz gegen Korrumpierung

Grundlegende Prinzipien und Anforderungen: Identifikation aller Datenverbindungen, Durchführung einer Security-Risikobeurteilung nach der Risikobeurteilung gemäß EN ISO 12100, Definition des Sicherheitskontexts und Anwendung des Drei-Stufen-Prinzips (Eliminierung, Minderung, Information).

Prozessanforderungen

Ansatz A: Eigenständiger Ansatz mit Security-Risikobeurteilung und systematischer Umsetzung von Schutzmaßnahmen – speziell für Hersteller ohne IEC 62443-Expertise. Ansatz B: Vollständiger Verweis auf IEC 62443-4-1 für den sicheren Entwicklungslebenszyklus, Sicherheitsmanagement, Spezifikation, Verifikation und Validierung – für Hersteller, die bereits mit der IEC 62443-Serie arbeiten.

Technische Anforderungen

Ansatz A: Anforderungen an Authentifizierung, Autorisierung, Integrität und Authentizität, gestaffelt nach Safety-Related Security Levels (SRSL0 bis SRSL3). Dazu Vorgaben zu Logging und Software-Identifikation, die für alle Stufen gleich gelten. Ansatz B: Unterscheidung zwischen Maschinen (gemäß IEC 62443-3-3) und Maschinenkomponenten (gemäß IEC 62443-4-2) mit spezifischen Foundational Requirements.

Informationen für den Gebrauch

Anforderungen an die Dokumentation: Information über den Sicherheitskontext, Software-Versionen und Konfigurationsinformationen, Anleitungen zum Zugriff auf diese Informationen sowie Angaben zu erlaubten/verbotenen Modifikationen.

Anhänge ergänzen die Anforderungen, teils informativ, teils verbindlich. Diese enthalten Beispiele für Logging-Formate, Empfehlungen zur Security-Risikobeurteilung sowie eine Übersicht zur Beziehung zwischen der Norm und den Anforderungen der Maschinenverordnung.

Zwei Ansätze zur Umsetzung

Ein wesentliches Merkmal der EN 50742 ist, dass sie Herstellern zwei gleichwertige Ansätze (Approach) bietet. Die Wahl hängt davon ab, ob ein Unternehmen bereits mit der IEC 62443-Serie arbeitet oder einen eigenständigen Weg bevorzugt.

Ansatz A: Eigenständiger Ansatz

Der Ansatz A wurde für Hersteller entwickelt, die ihre Maschinen ohne Bezug zur IEC 62443-Serie entwickeln. Er eignet sich für Unternehmen ohne IEC 62443-Expertise und für weniger komplexe Anwendungsfälle.

Der Ansatz basiert auf einer dreistufigen Vorgehensweise: Zunächst werden Schwachstellen eliminiert, die zu Gefährdungssituationen führen können. Nicht eliminierbare Schwachstellen werden durch Schutzmaßnahmen gemindert. Für verbleibende Risiken muss der Hersteller den Anwender informieren, damit dieser kompensierende Maßnahmen ergreifen kann.

Ein zentrales Konzept sind die Safety-Related Security Levels (SRSL) von 0 bis 3. Für jede sicherheitsrelevante Schnittstelle wird ein SRSL bestimmt und dokumentiert, basierend auf der Risikoreduktion und der Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Bedrohungsausnutzung. Je höher das SRSL, desto strenger die Anforderungen an Authentifizierung, Autorisierung, Integrität und Authentizität. Die Anforderungen an Logging und Software-Identifikation gelten dagegen für alle Stufen gleich.

Ein wichtiger Aspekt ist die Nachvollziehbarkeit: Interventionen an sicherheitsrelevanter Software müssen protokolliert werden. Die Logs des Rückverfolgungsprotokolls müssen mindestens fünf Jahre aufbewahrt werden. Ein Schutz der Logs gegen Manipulation wird empfohlen.

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Ansatz B: IEC 62443-basierter Ansatz

Ansatz B richtet sich an Hersteller, die bereits IEC 62443-3-3, IEC 62443-4-1 und IEC 62443-4-2 nutzen oder nutzen möchten. Er ermöglicht die nahtlose Integration mit bestehenden Prozessen und die Wiederverwendung bereits implementierter Maßnahmen.

Für Prozessanforderungen verweist die Norm vollständig auf IEC 62443-4-1. Dies umfasst systematisches Sicherheitsmanagement, die Spezifikation von Sicherheitsanforderungen sowie Verifikation und Validierung einschließlich Schwachstellentests.

Bei den technischen Anforderungen unterscheidet Ansatz B zwischen Maschinen und Maschinenkomponenten. Für die sicherheitsbezogenen Funktionen der Maschine gilt eine feste Mindestauswahl an Anforderungen aus der IEC 62443-3-3, für die Komponenten eine aus der IEC 62443-4-2. Beide Normen müssen also nicht vollständig umgesetzt werden. Erfüllt eine Komponente eine Anforderung nicht allein, sind kompensierende Maßnahmen außerhalb der Komponente erlaubt. Dann muss die Anleitung der Komponente sagen, dass solche Maßnahmen nötig sind und welche Anforderungen die Komponente selbst nicht erfüllt.

Auch hier gilt: Sicherheitsrelevante Audit-Einträge müssen mindestens fünf Jahre gespeichert werden.

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Aktueller Stand: FprEN 50742

Die EN 50742 liegt bisher nur als Entwurf vor. Die aktuelle Fassung ist der Schlussentwurf FprEN 50742:2026 vom Juli 2026 für die formelle Abstimmung; ein Annahmedatum ist darin noch nicht eingetragen. Erarbeitet hat ihn das Komitee CLC/TC 44X im Rahmen des Normungsauftrags M/605 zur Maschinenverordnung.

Sobald die Norm fertig ist und ihre Fundstelle im Amtsblatt der EU steht, greift die Konformitätsvermutung (Presumption of Conformity): Wer die Norm anwendet, darf davon ausgehen, dass seine Maschine die damit abgedeckten Anforderungen der Maschinenverordnung erfüllt. Bis dahin ist der Entwurf eine Orientierung, kein Nachweis.

Fazit

Die EN 50742 schließt eine wichtige Lücke bei den Sicherheitsanforderungen für moderne, vernetzte Maschinen. Durch die zwei gleichwertigen Ansätze bietet sie Flexibilität: Ansatz A ermöglicht einen direkten Einstieg, Ansatz B nutzt bewährte IEC 62443-Strukturen.

Hersteller sollten den Entwurf jetzt prüfen und, soweit das Normungsverfahren es noch zulässt, Stellungnahmen über ihr nationales Normungsgremium einreichen. Gleichzeitig ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu entscheiden, welcher Ansatz für das eigene Unternehmen geeignet ist, und mit der Vorbereitung auf die Umsetzung zu beginnen.

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